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feronien
Blutrache


Die kleine Schenke „Zur Goldenen Jungfrau“ hatte immer guten Besuch. Der Wirt sorgte für viel Spaß um Amüsement, jeden Abend gab es dort große und freudige Trinkgelage. Doch heute Abend war es anders – zehn Männer waren in der Schenke eingekehrt. Sie aßen und tranken, aber sie wirkten unheimlich auf den Wirt. Denn alle waren in dunkle Kleider gehüllt und jeder von ihnen trug mehrere schwere Waffen bei sich. Sie wirkten in der Lage, das gesamte Wirtshaus innerhalb weniger Minuten zu schleifen.
Nach der Mahlzeit ließen sie eine Flasche Wein kreisen. Als diese leer war und der Wirt eine neue brachte, sprach einer der Männer ihn an: „Dies ist das Königreich Eram?“
„Ja“ antwortete der Wirt verwirrt.
„Man erzählt sich, der König erlaubt Vampiren, in seinem Reich zu leben?“
„Ja, das stimmt.“
„Als Ausgleich verschonen die Vampire sein Land und morden woanders.“
„Das weiß ich nicht – ich bin nur ein einfacher Wirt!“ wollte sich der Wirt abwenden.
„Auch wir waren einfache Leute – früher. Doch diese Vampire haben uns alles genommen.“
„Das tut mir Leid – und nun wollt ihr Gerechtigkeit vom König erbitten?“ fragte der Wirt.
„Nicht Gerechtigkeit – wir wollen Rache!“

*****

Im Laufe der Nacht füllte sich die Schenke. Die Männer und Frauen des Dorfes kamen, um sich vom harten Tag zu entspannen. Doch die Anwesenheit der zehn fremden Männer sorgte für Unruhe und Angst. Den ganzen Abend über wollte keine wirkliche Stimmung aufkommen.
Auch Verinia, eines der leichten Mädchen des Dorfes, konnte die Stimmung nicht heben. Dabei bemühte sie sich redlich - sie ging sogar zu dem Anführer der Bande und setzte sich auf seinen Schoß. Zwar schickte er sie nicht weg, doch er ging auf keiner ihrer Liebkosungen oder Flüstereien ein, die sie bei ihm probierte.
Als sie beim Streicheln über seine Arme fuhr, schob sie zufällig seinen linken Ärmel hoch. So legte sie eine Tätowierung frei – diese sah aus, als hätte ihm jemand einen tiefen Schnitt beigebracht, aus dem viel Blut geflossen war. Und in dem Blut war der Kopf einer geöffneten, schwarzen Rose zu sehen.
„Was bedeutet dieses abscheuliche Zeichen?“ fragte Verinia.
„Es ist ein Andenken an meine Geliebte.“
„Und – dieses Bild gefällt ihr?“ fragte Verinia angewidert.
„Wie ich schon sagte – es ist ein Andenken!“

*****

Am nächsten Tag zogen die zehn Männer umher und erkundigten sich nach den Vampiren. Sie versuchten zu erfahren, wo die Vampire ihre Tage verbrachten. Doch ihre Suche war nicht von Erfolg gekrönt. Und so zogen sie gegen Mittag zum nächsten Dort weiter.
Auf diese Weise reisten sie durch das halbe Königreich, bevor sie endlich fündig wurden. Es war eine alte, verlassene Burg, die der König den Vampiren überlassen hatte.
Doch als sie sich ihr näherten, merkten sie, dass der König sogar Wachen zum Schutz der Vampire abgestellt hatte.

*****

Zwei Tage lang beobachteten sie die Burg, dann entschieden sie sich zum Angriff. Nachts, als die Vampire zum Beutefang ausgeflogen waren, schlichen sie in die Burg. Wie sie erwartet hatten, hatten sich die menschlichen Wachen zum Schlafen hingelegt und niemand hinderte sie am Eindringen.
Sie suchten schnell und leise alles Brennbare zusammen, stapelten es in der Mitte der Burg und legten Feuer. Um Mitternacht brannte die ganze Burg lichterloh. Die zehn Männer hatten sich wieder außerhalb der Burg versteckt und warteten auf die Rückkehr der Vampire.

*****

Durch das Feuer aufgeschreckt, kamen die Vampire schon bald zurück und mussten erkennen, dass ihre Behausung vernichtet war. Jeder Vampir, der ankam, wurde sofort von zwei der Männern angegriffen. Auch wenn die Vampire sich standhaft wehrten und einige der Menschen schwer verwundeten, wurden sie alle getötet. So gelang es ihnen im Laufe der nächsten Stunden, einen Großteil der Vampire auszulöschen.

*****

Es war circa drei Uhr, als ein Vampir kam, der auffiel – zum einen hatte er sich in blutrote Kleidung gehüllt und zum anderen endete sein rechter Arm in einem Stumpf. Drei der Männer griffen ihn an – alle drei schlug er zurück.
Da trat der Anführer, in beiden Händen mit einem Dolch bewaffnet, hinter einem Baum hervor und rief: „Endlich – ich habe dich gefunden.“
Der Vampir sah ihn an und schnaubte verächtlich: „Wer bist du?“
„Hast du mich etwa schon vergessen? Wir treffen uns schließlich zum zweiten Mal.“ antwortete der Mensch ruhig.
Da fing der Vampir an, höhnisch zu lachen: „Kein Mensch überlebt sein erstes Treffen mit mir.“
Völlig ohne jedes Gefühl reagierte der Meister: „Ich schon. Und ich hätte erwartet, dass du mich in besserer Erinnerung behältst. Schließlich trägst du noch heute eine Erinnerung an mich.“ Bei diesen Worten deutete er mit einem Dolch auf den Armstumpf des Vampirs. „Heute will ich vollenden, was ich damals begonnen habe.“
„Habe ich dich am Leben gelassen? Den Fehler werde ich nun korrigieren.“ Der Vampir schwang sich in die Luft und stürzte sich auf den Menschen. Doch dieser blieb seelenruhig stehen. Erst, als der Vampir so nah war, dass er ihn greifen konnte, stieß er mit beiden Händen nach vorne und rammte in jeden der beiden Flügel einen Dolch. Voller Schmerz schrie der Vampir auf, während der Anführer blitzschnell zur Seite trat. Er schlug mit dem Ellenbogen ins Gesicht des Vampirs. Dann warf er sich auf seinen Widersacher und drückte ihn zu Boden. Doch dieser hatte seine Fassung wiedergewonnen – mit seinem gesunden Arm drückte er den Menschen nach oben und schleuderte ihn von sich. Langsam erhob sich der Vampir wieder, und torkelte auf ihn zu. Währenddessen zog er einen weiteren Dolch aus seinem Gürtel und als der Vampir über ihm stand, stach er zu. Immer wieder hieb er seinem Gegner den Dolch in den Bauch, bis dieser zu Boden ging. Dann rammte er dem Vampir den Dolch mit voller Wucht in den Kopf und beobachtete dessen Todeskampf.

*****

Nach und nach kamen die anderen Männer zu ihrem Anführer. Von den neun Männern hatten nur fünf diese Schlacht überlebt.
„Seht her, das war er.“ sprach ihr Anführer zu ihnen. „Diesen Vampir habe ich seit Jahrzehnten gesucht und gejagt.“
„Aber warum? Was hat er euch getan?“ fragte Tomin, einer seiner Männer.
„Das alles liegt schon lange zurück – damals war ich jung und frisch verlobt. Wir beide liebten die lauen Sommerabende und verbrachten deswegen viel Zeit auf den Wiesen unseres Dorfes. Doch eines Nachts...“ Er schüttelte sich, als die Erinnerung nach all den Jahren wieder deutlich vor ihm stand. „Eines Nachts kam er – dieser Vampir. Er griff uns an – wir wehrten uns, so gut wir konnten. Mit einem Messer schlug ich auf ihn und seinen Arm ein, bis ich es tatsächlich schaffte, seinen Arm vom Körper zu trennen – doch dann schleuderte er mich voller Wucht gegen einen Baum. Als mir die Sinne schwanden, sah ich nur noch, wie er anfing, meine Geliebte auszusaugen.“ Er unterbrach sich kurz und schluckte. „Ich hätte die Nacht ebenfalls nicht überlebt – doch ein Zauberer fand mich und pflegte mich gesund. Er lehrte mich zudem alles, was ich zur Vampirjagd wissen musste. Und so zog ich los – seit jener Nacht jage und töte ich Vampire. So habe ich ja auch euch getroffen – jeden von euch habe ich vor den Klauen eines oder mehrerer Vampire gerettet. Und heute habe ich meine Geliebte endlich gerächt. Doch meine Jagd wird weitergehen – und ich möchte es euch freistellen. Jeder von euch hat seine Schuld schon tausendfach bezahlt. Doch, wenn ihr wollt – dann folgt mir weiterhin. Ich will, dass die Vampire vor uns erzittern. Ich will, dass schon der Anblick einer schwarzen Rose sie an uns erinnert – und sie mit Angst erfüllt. Folgt mir und lasst uns ein Symbol der Freiheit und des Widerstandes errichten.“
Die Männer schwiegen.
Dann ergriff Tomin erneut das Wort: „Du willst, dass wir dir folgen? Dass wir auf ein Leben in Frieden verzichten? Dass wir dasselbe Zeichen tragen, wie du? Wenn ja – ich bin dabei!“
„Ich auch.“ rief ein zweiter und nach und nach stimmten alle Männer zu.
„Danke, Männer – und nun, lasst uns die Jagd eröffnen!“


ENDE


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