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feronien
Tod auf Raten


Wieder sah er in seine linke Hand – auf den Schnitt, den er dort beigebracht bekommen hatte. Zwar hatte die Heilung schon längst eingesetzt, aber trotzdem brannte die Stelle immer noch. Es war ein kleines, beharrliches Brennen, dass er die meiste Zeit in den Hintergrund verbannte – aber eben nicht immer.
Eigentlich sollte er froh sein – froh, nur einen Schnitt abgekriegt zu haben. Andere aus ihrer Truppe hatte es viel schlimmer erwischt. Zwei, Darian und Theodon, waren umgekommen.
Dennoch nervte ihn dieser Schnitt. Wütend griff er in sein Gepäck und nahm seinen linken Handschuh heraus. Er zog ihn über die Hand und hoffte, so die Wunde ignorieren zu können.
Er sah sich um - die anderen hatten sich ebenfalls auf der Lichtung niedergelassen. Thied, der Jüngste ihrer Gruppe, fing bereits an, ein Feuer zu entzünden um das Abendessen zu grillen. Ihre Anführer begannen bereits, die Beute aufzuteilen.
Der Überfall auf das kleine Dorf war nicht besonders ergiebig gewesen – arme Menschen zu überfallen konnte einfach keinen großen Gewinn bringen. Aber es gab nun einmal keine Alternative – ihr Schar war zu klein, um die befestigen Städte in der Umgebung anzugreifen. Und so mussten sie sich auf diesem Weg durchschlagen.
Eurid seufzte. Das war nicht das Leben, von dem er geträumt hatte!

*****

Mittlerweile brannte das Feuer und ein wenig Fleisch brutzelte darüber. Nach ihrem Status innerhalb der Gruppe erhoben sie sich und holten sich ihre Portion. Eurid war froh, dass er mittlerweile so weit aufgestiegen war, dass er zumindest eine kleine Portion Fleisch ab bekam. Thied, der das Fleisch gegrillt hatte, würde sich an Beeren satt essen müssen.

Langsam kam die Nacht herein und die Männer legten sich schlafen. Wie er es seit einem Jahr gewohnt war, legte Eurid sein Schwert neben sich, um im Falle eines Angriffs jederzeit kampfbereit zu sein. Dann nahm er seinen Mantel, deckte sich zu und versuchte zu schlafen.

Er träumte von seinem Zuhause – seinen Eltern, seinen Geschwistern und der schönen Darina, der er einst den Hof gemacht hatte. Er träumte auch von dem Kuss, den er nie von ihr bekommen hatte – letztlich liebte er sie noch immer.

*****

„Angriff! Angriff! Zu den - Argh!“ Die Stimme des Wächters endete in einem grausamen Todesschrei. Blitzschnell waren Eurid und die anderen auf den Beinen und kampfbereit. Doch das Grauen, das sie jetzt erlebten, darauf war keiner von ihnen vorbereitet. Wilde Kreaturen flogen durch die Luft, fauchten und schlugen ihnen die Waffen aus der Hand. War einer der Banditen unbewaffnet oder unvorsichtig, stürzten sich mehrere der Kreaturen auf ihn, rissen ihn zu Boden und schienen ihn zu zerfetzen. Die Schreie der Männer zerrissen die Nacht.
Vampire!
Eurid wusste, dass sie verloren waren – ihre Gruppe war dem Tod geweiht! Doch er sah eine kleine Chance, dass er überleben könnte. Schnell und leise griff er nach seinem Mantel, dann zog er sich immer mehr in die Büsche zurück, die um die Lichtung herum wuchsen. Immer tiefer kroch er in die Büsche – nur wenig von dem schlechten Gewissen geplagt, seine Kameraden dem sicheren Tode zu überlassen.

*****

Tagelang irrte Eurid durch den Wald. Der Hunger quälte ihn schon, da sah er vom Waldrand aus eine befestigte Stadt. Dort könnte er neu anfangen – sein Leben als Bandit hinter sich lassen! Und die Mauern, die Verbrecher aussperrten, würden auch gegen Vampire helfen. Kurz entschlossen rammte er sein Schwert in den Boden. Er leerte seine Taschen und vernichtete jeden Hinweis auf sein vorheriges Leben. Sein Plan war, dort als überfallener Kaufmann aufzutreten.
Voller Hoffnung machte er sich auf den Weg.

*****

Als er am Tor ankam, hatte er sich seine Geschichte bereits zurechtgelegt. Die Torwache glaubte ihm und ließ ihn in die Stadt hinein. Er schickte ihn direkt zum Sheriff – Eurid ging auch hin, um keine Aufmerksamkeit zu erwecken. Doch als er da ankam, stockte ihm der Atem. Ein Dutzend Männer und Frauen stand dort – genauso abgerissen und verdreckt wie er. Erst machte er sich keine Gedanken, doch einer der Männer drehte sich um und erkannte ihn: „Das ist einer der Banditen, die unser Dorf überfallen haben!“
„Ja, ich erinnere mich auch – der war mit dabei!“ warf eine Frau ein. Langsam und bedrohlich näherte sich die Menge ihm. Eurid verfluchte sich dafür, dass er sämtliche Waffen am Waldrand zurückgelassen hatte.
Schon war er umringt.
Durch den Lärm herbeigerufen kamen der Sheriff und seine Männer. Sie stoppten die Meute und befragten sie – aber schließlich war schon nach wenigen Minuten klar, dass Eurid schuldig war.
Noch am Abend wurde er zum Schafott geführt.


ENDE


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