Disclaimer: Die Marke 'Narnia', die Fiktion und sämtliche Begriffe, Figuren, Charaktere, etc daraus gehören C.S. Lewis. Diese Fanfictions dienen der Unterhaltung und sind ohne jedes finanzielle Interesse geschrieben und veröffentlicht worden. Verantwortung und Copyright für den Inhalt der Geschichte verbleiben bei mir, dem Autor. Eine Verletzung von Urheberrechten ist nicht beabsichtigt.

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narnia
Königsende


Viele Jahre nach dem ersten König Narnias, König Frank, herrschte König Valerian. Er war ein Nachkomme Franks und seinen Untertanen ein würdiger König. Durch seine Weisheit und sein Verständnis war er zu hohen Ehren gekommen und die Einwohner Narnias vertrauten ihm vorbehaltlos. Ein Teil dieses Vertrauen lag darin begründet, dass Valerian um seine Schwächen wusste und seinen Hofstaat mit Personen füllte, die seine Schwächen ausgleichen konnten und die auch dem König eine unangenehme Wahrheit nicht vor enthielten. Einer dieser Gefährten war Cassio, ein ehrwürdiger Zentaur. Er verstand sich gut auf die Kunst der Schlachtenführung, war aber ebenso geschickt in der Kunst der Diplomatie. Ihn verband ein starkes Band der Freundschaft mit dem König und beide sahen in dem anderen einen Bruder. Auch Baldur, einer der Rotzwerge, stand dem König sehr nahe. Er hatte sich als ein treuer und tüchtiger Verwalter erwiesen. Oft hatte der König, wenn er in den Krieg zog, Baldur sein Reich anvertraut.

Dennoch, eine Schwäche Valerians konnte nicht verborgen werden: Er hatte nur einen Sohn bekommen und liebte diesen über alles. Er tat nahezu alles, um seinem Sohn das Leben angenehm zu gestalten. Cassio warnte den König oft, dass sein Sohn so stolz und hochmütig werden könnte, doch leider war der König ebenso stur wie Cassio selbst.
Als der König alt geworden war und sein Ende kommen sah, bat er Cassio zu sich. Er erbat von ihm: „Achte du auf meinem Sohn. Sei ihm Lehrer und Gewissen. Hilf ihm, wann immer er Hilfe benötigt.“ Und Cassio gab dem sterbenden König sein Wort.
So wurde Ramon König von Narnia. Auch er war bei dem Volk beliebt, doch schien ein Schatten in das Königtum gekommen zu sein. Niemand konnte beschreiben, was sich geändert hatte, doch alle spürten, dass etwas anders war. Da es aber ungreifbar blieb, gewöhnte sich Narnia schnell an dieses Gefühl und niemand maß dieser Änderung große Bedeutung bei.

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Eines Tages ritt König Ramon mit seinen Begleitern aus. Sie wollten auf die Jagd gehen, doch rasteten sie an einer Flussgabelung. Während sie dort saßen, kamen Nymphen aus dem Wasser und bewirteten den König und seine Begleiter. Wie alle Nymphen, waren auch diese sowohl schön als auch freundlich und die Männer genossen die Zeit mit ihnen. Es wurde ein fröhlicher und beschwingter Tag. Auch wenn sie nicht zum Jagen gekommen waren, sah keiner der Männer die Zeit als vergeudet an.

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Immer wieder ritt der König nun an diesen Platz und hoffte die Nymphen erneut zu sehen. Und selten wurde er enttäuscht.
Eine, Tavia mit Namen, hatte es ihm besonders getan. Ganze Abende verbrachten die beiden zusammen in Gesprächen und kurzweiliger Unterhaltung. Und schon nach kurzer Zeit merkten sie, dass sie den jeweils anderen mehr als lieb gewonnen hatten.
Auch Baldur und Cassio merkten, dass zwischen Tavia und Ramon ein junges Band der Liebe geflochten wurde. Sie ermunterten den König, Tavia zu seiner Frau zu nehmen.
Und so geschah es.

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Ein rauschendes Fest fand zur Feier der Hochzeit statt. Mehrere Tage lang ruhte die Arbeit in Narnia und die Untertanen feierten und freuten sich mit ihrem König. Der König war voller Freude und Glück, dass er so eine anmutige und edle Frau gefunden hatte. Im ganzen Königreich wurden Lieder über ihre Schönheit und Anmut gesungen. Noch ahnte keiner, dass diese Liebe Narnia in großes Unglück stürzen würde.

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Schon nach kurzer Zeit machte sich Argwohn im Herzen des Königs breit. Seine Frau war freundlich – zu freundlich, wie er fand. Jeder Bedienstete wurde von ihr mit ausgesprochener Herzlichkeit behandelt und jeder Kurier sehr gut bewirtet. Und immer wieder meinte der König, in ihrem Verhalten eine gewisse Untreue zu entdecken. Doch er teilte seinen Verdacht mit niemandem. Er war sich nicht sicher, wem er in seinem Hofstaat in dieser Angesicht trauen konnte. Jeder konnte, so dachte er, derjenige sein, der ihm seine Frau entreißen wollte. Und so verschloss er sich selbst gegenüber Baldur und Cassio.
Die beiden hatten die Veränderung bei dem König bemerkt – doch auch ihnen blieb nur, Vermutungen anzustellen. Die Königin, die sie ins Vertrauen zogen, konnte selbstverständlich auch nicht erkennen, was des Königs Herz bedrückte.

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Einige Wochen später, der König war wieder in seinen Verdächtigungen versunken, meldete der Herold: „Darn aus der Westlichen Mark. “
Darn kam rein und sah furchtbar aus. Er war einer der Schwarzzwerge, aber sein Haar hing wirr von seinem Kopf. Sein Bart war völlig verfilzt und verdreckt. Seine Kleidung hing ihm nur noch lose an seinem Körper. Man konnte ihm ansehen, dass er wohl eine schlimme und schreckliche Zeit hinter sich hatte. Aus seinem Blick sprach unglaubliche Furcht.

Ramons Hand zuckte zu seinem Schwert. Er konnte sich nicht vorstellen, wer es wagen würde, die Bewohner Narnias so zu erschrecken. Was auch immer die Ursache für diese Angst war, er würde sie finden und zerstören.
„Sprecht, Darn“ sagte er.
„Mein König, verzeiht mir mein Eintreten und Aussehen. Aber ich muss euch schlimme Kunde bringen. Meine Brüder und ich, wir sind fünfe an der Zahl, leben in der Westlichen Mark, am äußeren Ende eures Reiches. Schon seit vielen Jahren wohnten und arbeiteten wir dort in Frieden. Doch seit einem Jahr ist dieser Friede zerstört.
Eine Hexe ist zu uns gezogen. Erst schien alles wie früher, doch mit der Zeit wurde es immer unheimlicher. Wir hören Geräusche des Nachts. Unsere Arbeitsstätten und Wohnungen finden wir zerwühlt und zerstört vor. Erst hatten wir geglaubt, wir könnten selbst damit fertig werden, doch es wurde immer schlimmer.
Mein König, wir sind verzweifelt. Wir trauen uns nicht mehr aus unseren Höhlen. Bitte – Ihr müsst uns helfen. Ihr müsst diese Hexe vertreiben.“
Die letzten Sätze hatte Darn regelrecht flehend vorgetragen.

Der König stand auf und ging zu Darn hin. „Tapferer Zwerg“ sagte er, „ihr alle habt mehr erduldet, als manch anderer ertragen könnte. Ich werde euch sofort helfen und euch von dieser Geißel befreien.“

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Schon nach einem Tag hatte der König genug Freiwillige gefunden, die bereit waren, mit ihm zur Westlichen Mark zu reiten und den Zwergen zu helfen. Es kamen Satyre, Mungos, Hunde und sogar zwei Elefanten.
Ramon hatte Cassio und Baldur gebeten, in dem Palast seine Amtsgeschäfte zu übernehmen, bis er wieder zurück kam. Auch die Königin blieb in Cair Paravel, dem Schloss des Königs. Ramon hatte das ihr gegenüber mit ihrer Sicherheit begründet, hoffte aber, durch eine rasche und unerwartete Rückkehr endlich Beweise für seine Vermutungen zu erhalten. Er ging davon aus, dass Konflikt mit der Hexe nicht lange dauern und seine Lösung ebenso kurz wie einfach sein würde.

****


Nach einigen Tagen waren sie an der Höhle der Zwerge angekommen. Die anderen vier Zwerge waren voll Freude, als sie ihren Bruder, den König und die kleine Armee sahen.
Bereitwillig führten sie die Truppe zum Haus der Hexe.

Es war eine alte, schon halb verfallene Hütte. Es war von Bäumen umringt und schien beinahe wie zugewachsen. Lediglich der Rauch, der aus Löchern des Daches drang, zeigte an, dass es dort noch Leben gab.

Ramon stieg vom Pferd und wollte auf die Tür zugehen.
„Mein König, ihr wollt alleine zu der Hexe gehen?“ fragte erstaunt einer der Elefanten.
Ein schöner Mungo mit grau-braunen Fell und mittlerer Größe – er reichte dem König gerade bis zum Gürtel, ergänzte: „Diese Hexe ist gefährlich. Lasst uns mit euch kommen.“
Ramon drehte sich um: „Ich habe keine Angst vor einer alten Frau. Ich werde nun alleine darein gehen und nachforschen, was diese Alte angeblich anstellt. Ihr könnt ja, wenn ihr Angst habt, zurück laufen.“
Als der König weiterging, wagte nun keiner, ihn ein zweites Mal aufzuhalten. Doch der Mungo, sein Name war Javanicus, entstand Misstrauen. Wie die meisten seiner Art war er ein mutiges Tier, doch er kannte auch den Unterschied zwischen Mut und Wahnwitz. Und alleine in das Haus einer Hexe zu gehen – das war wahnwitzig.

****


Im Inneren war die Hütte genauso schäbig wie von Außen. Der König sah sich um, konnte aber die Hexe nicht entdecken. Da hörte er eine Stimme:
„Heil Euch, mein König. Welch edler Glanz in meiner kargen Hütte. Ich freue mich außerordentlich, Euch hier begrüßen zu können. Sagt, was führt Euch her?“
Diese Stimme war brüchig und düster, mehr ein Zischen als ein Sprechen. Als der König nun in Richtung der Stimme blickte, sah er sie:
Eine kleine, schwache und alte Frau, krumm im Gang, umhüllt mit schwarzen Tüchern, die lediglich ein Teil des Gesichtes vorbei ließen.
Seine Hand, die an seinem Schwert lag, schob das Schwert zurück in die Scheide.
„Du bist der Grund, warum ich hier bin. Du verschreckst mein Volk und quälst sie.“
„Aber mein König, was quält Euch?“ unterbrach ihn die Hexe. „Ihr seid ruhelos, Ihr seid aufgewühlt. Euer eigenes Problem bedarf einer Lösung. Denn ein König muss wissen, wie es um die Treue seiner Gattin steht.“
Erregt sprach Ramon. „Wisst ihr, ob sie mich hintergeht?“
„Nein, mein König. Aber ich kann es erfahren.“
„Sprecht!“
„Mein König, was würdet Ihr mir dafür geben?“
„Ich habe eine Armee vor deiner Tür, die dich töten will.“
„Und dann erfahrt Ihr es nie. Dabei ist mein Preis gering. Alles, was ich will, ist ein wenig Holz für den Winter. Ich bin alt und schwach und kann keinen Baum schlagen. Füllt meine Vorräte auf und ich will euch gerne helfen.“
„So weise ich die Zwerge an, dass sie den Wald um eure Hütte schlagen.“
„Mein König, das wäre höchst unklug. Dieser Wald ist jung und frisch. Diesen Wald zu verbrennen wäre eine Schande. Nein, mein König, es gibt ältere Bäume in Narnia. Nehmt diese!“
„Ältere Bäume? Was meint ihr?“
„In der Nähe vom Laternendickicht, mein König, gibt es alte Bäume – manche tragen schon seit Jahrzehnten keine Frucht mehr und manche tragen Äpfel, die silbern funkeln. Glaubt ihr, dass solche Äpfel gesund sind?“
Unwillkürlich schüttelte Ramon den Kopf.
„Würdet ihr diese Bäume schlagen lassen, so wäre uns beiden geholfen. Ihr hättet Platz für junge und starke Bäume und ich hätte ein wenig Feuerholz.“
Ramon bemerkte nicht das verräterische und begierige Funkeln in ihren Augen, als er auf sie zu kam und sprach: „Lasst ihr dann meine Untertanen in Frieden und verratet mir, welches Spiel die Königin spielt?“
„Oh ja, mein König. Bringt mir nur eine Locke ihres Haares und ich werde Euch alles verraten, was ihr wissen müsst.“
„Dann ist es beschlossen.“ Sprach der König und, während er sich zum Gehen wandte, fügte er an: „Ich werde wiederkommen, sobald dein Holzvorrat aufgefüllt ist.“
„Ich freue mich darauf.“ antwortete die Hexe, während ihre Augen triumphierend leuchteten.

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„Es ist alles vorbei. Ihr könnt nach Hause gehen.“ Mit diesen Worten trat der König vor sein Heer. Der Elefantenbulle wollte schon nachfragen, was nun geschehen war, aber ein Blick des Königs überzeugte ihn davon, besser zu schweigen.
“Los, geht nach Hause. Ihr habt mir gut gedient, aber ich brauche eure Hilfe nicht mehr. – Darn, du bleibst bitte noch hier.“
Langsam und grummelnd verstreute sich das Heer Ramons. Die Tiere und Satyre waren zwar erstaunt und unwillig, aber sie entschieden sich, der Anordnung des Königs Folge zu leisten.

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Doch nach einiger Zeit wurde der Unmut von Javanicus so groß, dass er umkehrte. Er war sich sicher, dass irgendetwas Böses beim Haus der Hexe passierte.

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Mittlerweile waren Darn und Ramon zurück zum Haus der Zwerge geritten. Javanicus kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie die beiden im Haus verschwanden und die Türe schlossen. Er kroch flink zu einem der Fenster, das leicht offen stand und wartete nun, was er drinnen hören würde:

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„Meine Zwerge, die Frau, die ihr Hexe nennt, wird euch nun in Ruhe lassen. Doch dafür müsst ihr einen Gefallen tun. Reitet zum Laternendickicht und schlagt dort in der Nähe alle Bäume um – alle alten und schwachen. Bringt das Holz her, richtet der Frau einen Verschlag für all das Holz her und füllt diesen bis oben hin. Dann sagt mir Bescheid und ich komme, um sie an ihr Versprechen zu erinnern.“

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Als der Mungo dies hörte, stellte sich sein Fell auf. Die Bäume beim Laternendickicht? Er erinnerte sich, das wohl vor langer Zeit Aslan selbst einen dieser Bäume gepflanzt hatte und den Bewohnern Narnia gesagt hatte, dieser Baum sollte geschützt werden.
Ihm war klar, dass nun etwas geschehen musste. Aber er alleine konnte den König nicht aufhalten. Und so eilte er nach Cair Paravel.

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Dort sprach er mit Baldur und Cassio – auch die beiden erinnerten sich daran, dass dieser Wald ein besonderer war. Aber auch sie wussten nicht, was genau damals, bei der Erschaffung der Welt geschehen war.
Also galoppierte Cassio so schnell wie möglich dem König entgegen, um ihn von seinem Vorhaben aufzuhalten, während Baldur in die Archive ging und nach Hinweisen suchte. Sie mussten erfahren, was diesen Wald so besonders machte.

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Als Cassio den König erreichte, hielt er sich nicht lange auf. „Mein König, Ihr seid dabei, einen großen Fehler zu begehen. Der alte Wald am Laternendickicht ist wichtig für Narnia. Aslan selbst…“
Doch Ramon schnitt ihm das Wort ab: „Schweig still, Cassio. Dieser Wald ist alt und er muss weg. Und ich dulde keinen Widerspruch.“
Erneut hob Cassio an: „Aber mein König …“
Da rastete Ramon aus: „Ein weiteres Wort – nur ein Wort, und ich werde dich wegen Hochverrat verhaften lassen. Auch wenn du ein Freund meines Vaters warst, ICH DULDE KEINEN WIDERSPRUCH IN DIESER SITUATION.“
Cassio war schockiert und traurig – so weit war es gekommen. Er drehte sich um und trabte langsam zurück zum Königsschloss. Ramon, der dasselbe Ziel hatte, wählte einen anderen Weg.

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Im Schloss war die Luft mit Aggression und Wut erfüllt. Die meisten hatten zwar nicht erfahren, was genau passiert war, aber alle wussten, dass sich der König mit seinen Berater überworfen hatte.
Baldur und Cassio, nun aus der Gunst des Königs verbannt, hielten sich noch in Schlossnähe auf, aber sie mussten einsehen, dass diese Aufgabe ihnen entglitten war. Was auch immer passieren würde, sie könnten es nicht mehr aufhalten.

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Nach einigen Tagen kam Javanicus zu ihnen. Sie hatten ihn gebeten, ihnen zu berichten, wenn die Zwerge ihre Arbeit erledigt hatte. Er zeichnete ein schlimmes Bild von der Landschaft um die Laterne:
„Viele Bäume sind geschlagen. Das Flussufer ist komplett freigelegt worden. Das Land ist öde und kahl geworden. Es sieht einfach schrecklich aus. Warum konntet Ihr es nicht verhindern?“
Mit diesen Worten löste er bei beiden eine schwermütige Traurigkeit und Verzweiflung aus.

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Der König dagegen nahm die Nachricht Darns sehr fröhlich auf. Endlich würde er Klarheit gewinnen. Schon am nächsten Tag machte er sich auf den Weg zur Hexe. Neben Schild und Schwert nahm er dieses Mal auch ein paar Haare seiner Königin mit. Auch dieses Mal übergab er sein Schloss und sein Reich an Baldur – Cassio hatte sich durch seine offenen Widerworte stärker mit dem König überworfen und wurde nicht wieder in sein altes Amt eingesetzt.

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„Mein König, Ihr seid zurück? Habt Ihr mir mitgebracht, was wir benötigen?“ sprach die Hexe, während sie in einem Topf über brennendem Feuer rührte.
„Ja, ich habe alles mitgebracht. Ich bat sie um eine einzige Strähne ihres goldenen Haares - sie gab mir drei.“
„So wirf sie in den Topf!“ sprach die Hexe.
Ramon ging zum Topf und warf die Strähnen in die kochende Brühe. Dann trat er zurück.
Die Hexe rührte und rührte und Ramon befürchtete schon, sie habe ihn im Raum vergessen. Dann begann sie mit zischender und boshafter Stimme zu sprechen, während ihre Augen weiter starr auf den Topf gerichtet waren:

„Dreh dich um und sie wird wandern von der einen Hand zur andern!
Sie wird nie dein Eigen sein, nie besitzt du sie allein!
Kaum bist du dem Blick entschwunden, hat sie schon Ersatz gefunden!
Sie wird nie alleine, niemals treu und du nie sicher sein!“

Ramon konnte seinen Zorn nicht beherrschen – er schmiss den Tisch um, griff sich einen Stuhl und schlug voller Wut auf den Tisch ein, bis der Stuhl in seinen Händen zersplitterte. Dabei brüllte er wie von Sinnen immer wieder: „NEIN“
Es entging im völlig, wie die Hexe langsam von dem Topf wegschlich, mit einem triumphierenden Lächeln in eine dunkle Ecke ihrer Hütte ging und eine verborgene Tür öffnete. Eine Gestalt trat herein.

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Immer noch stark erregt, aber sichtlich bemüht, seine Fassung wiederzuerlangen, stand Ramon im Raum und fauchte: „Sie muss sterben!“
„Wer?“ fragte ihn eine hohle Stimme. Nun erst bemerkte Ramon, dass eine weitere Person im Raum war. Es war ein großer Mann, ganz in Schwarz gehüllt. Lediglich seine kalten Augen, die leicht gelblich funkelten, konnte Ramon erkennen.
„Meine Frau – die Königin.“
„Werdet ihr mich dafür bezahlen?“
„Wenn du sie tötest – ja!“
Langsam schritt der Mann zur Tür und verließ die Hütte. Ramon selbst drehte sich zur Hexe um und sagte: „Verzeih mir bitte meinen Wutausbruch.“
„So ergeht es nun mal dem Überbringer schlechter Nachrichten.“
„Ja, wahrscheinlich hast du recht. - Ich erwarte, dass du unsere Abmachung einhälst.“
„Gewiss, mein König.“
Ohne ein weiteres Wort verließ Ramon die Hütte. Er ritt zu Darn und seinen Brüdern und wollte dort die Nacht verbringen. Schwermut hatte ihn erfasst – denn auch wenn er schon lange an Tavias Treue zweifelte, so hatte er sie doch wirklich geliebt.

****


Am nächsten Tag machte sich Ramon auf, zurück nach Cair Paravel zu reiten. Doch er ritt langsam und ließ sich viel Zeit – beherbergte das Schloss doch den Grund für all seinen Trübsal.
Im Laufe der Reise wurde sein Herz immer schwermütiger.
Doch auf einmal hörte er links von sich ein Gebrüll wie von einem Löwen. Und dann hörte er ein weiteres auf der rechten Seiten. Dann noch eines von hinten und zuletzt kam ein Gebrüll von vorne.
Er war eingekreist!
Ramon zog sein Schwert und nahm seinen Schild auf. Das Gebrüll kam von allen Seiten immer näher und näher. Ramon wurde unruhiger und furchtsamer.
Da sprang er direkt vor ihn – ein riesiger, furchteinflößender Löwe mit eine Fell wie aus Gold, einer buschigen, braunen Mähne stieß ein markerschütterndes Gebrüll aus.
Ramon hob sein Schwert, doch es erhitzte sich in seiner Hand und er musste es fallen lassen. Sein Pferd scheute und warf Ramon ab, dann rannte es davon. Ramon stand nun unbewaffnet vor dem Löwen. Als er sich nach dem Schwert bücken wollte, sprach der Löwe: „Ramon, Sohn des Valerian. Du bist ein Narr – Willst du deinen Narreteien nun noch eine weitere hinzufügen?“
Ramon war völlig verwundert: „Wer bist du und woher kennst du mich?“
„Ich bin Aslan, der Sohn des großen Königs – ICH bin der wahre Herrscher von Narnia. Ich habe damals deinen Vorfahren Frank zum König gekrönt. Auch dich habe ich zum König werden lassen.“
„Aslan, Ihr?“ verwunderte sich Ramon. „Mein ganzes Leben habe ich auf diesen Moment gewartet.“
„Dennoch sollte dich meine Ankunft in große Trauer versetzen, denn ich bin hier um zu retten, was du zerstört hast.“
„Ich verstehe nicht. Was soll ich denn zerstört haben?“
„Hast du nicht befohlen, die Bäume des Laternendickichts zu fällen? Hast du nicht so auch den einen Baum umschlagen lassen, der Narnia beschützen sollte? Hast du Narnia nicht so in die größte Gefahr gebracht, die es seit dem Anbeginn der Zeit für Narnia gab?“
„Soll das etwa heißen, dass die Legenden von früher …“ setzte Ramon an.
„Die Legenden sind wahr. Dieser Baum wurde gepflanzt, noch bevor es die ersten Könige in Narnia gab. Er war euer Schutz.“
„Aber – warum habt Ihr mich nicht gewarnt? Warum habt Ihr mich nicht davon abgehalten?“ fragte Ramon, sowohl verzweifelt als auch anklagend.
„Du warst gewarnt. Zwei deiner treusten Männer haben dich gewarnt, doch du hast ihre Warnungen verpuffen lassen. Nein, Ramon, niemand anderes als du selbst hättest die Katastrophe verhindern können.“
Dieser Schock traf Ramon wie ein Schlag ins Gesicht. Er wusste, dass Aslan recht hatte. Er allein war schuld an dem, was geschah. Verzweifelt sank er auf seine Knie.
„Und nun? Gibt es noch Hoffnung für Narnia?“ war seine verzweifelte, flehende Frage.
Alsans Stimme wurde weicher und friedlicher: „Ja, es gibt Hoffnung. Ich werde auf Narnia aufpassen und an dem Tag, an dem zwei Adamssöhne und zwei Evastöchter auf dem Thron Narnias sitzen werden, ist die Zeit des Bösen vorbei.“
Als Ramon dies hörte, fing er an zu weinen.
„Dann ist es gut. Wenn du weiter für Narnia stehst, dann bin ich zufrieden. Dennoch wäre es mir lieber, ich hätte meinen Fehler nicht begangen. Sag, für welche meiner Fehler muss Narnia noch büßen?“
Aslan kam langsam auf Ramon zu, und mit einer Pfote erhob er Ramons auf die Brust gesenkten Kopf.
„Du trauerst um Narnia – und nicht um dich. Das freut mich – dann gibt es auch noch Hoffnung für dich. Doch ich kann dich beruhigen, dein anderer Fehler wird dich treffen. Allerdings wird er das mit großer Wucht tun.“
„Was meinst du?“
„Tavia, deine Königin. Sie war die schönste und treuste Frau, die sich ein Bettler oder ein König wünschen kann. Doch du hast dieses Geschenk verworfen wie ein Narr, der eine Perle findet und sie für Unrat hält.“
„Du meinst …“
„Die Hexe hat dich belogen. Es ist ihr völlig egal gewesen, was mit dir und deiner Königin passiert. Ihr war nur wichtig, dass du den Baum, der Narnia schützt, fällen lässt. Sie hat dir erzählt, was immer sie wollte – nur um dich zu quälen.“
„So hat sie mich zu meinem eigenen Untergang getrieben.“ stellte Ramon resigniert fest.
„Leider ja. Dein Königreich ist nun zerschlagen.“
„Und was soll ich nun tun?“ fragte Ramon.
„Das, mein Sohn, musst du entscheiden. Bedenke, was das Beste für Narnia ist und handle dann so. Ich traue dir zu, dass du diese Entscheidung fällen kannst – auch wenn sie dir nicht leicht fallen wird.“
Aslan drehte sich um und wollte weggehen.
„Mein Herr – wirst du mir je vergeben?“ rief Ramon ihm hinterher.
Aslan drehte seinen Kopf zu Ramon um und schaute ihn voller Liebe an. „Das habe ich schon getan.“ sagte er und dann trabte er von dannen.

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Ramon saß noch eine Weile auf dem Boden. Diese Erfahrung, dieses Treffen mit Aslan, musste er erst verarbeiten. Er hatte sich das oft gewünscht, einmal Aslan von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, und doch war diese Begegnung ganz anders gewesen, als er sie sich selbst in seinen kühnsten Träumen ausgemalt hatte.

Nach einiger Zeit stand er auf, nahm Schwert und Schild und machte sich auf die Suche nach seinem Pferd.
Als er es gefunden hatte, ritt er in vollem Galopp zu seinem Schloss. Vielleicht hatte der Attentäter noch nicht zugeschlagen – vielleicht konnte wenigstens Tavia noch gerettet werden.

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Doch als er nur noch wenige Meilen vom Schloss entfernt war, kam ein Rotkehlchen zu dem König geflogen. Ramon bremste sein Pferd und hieß dem Rotkehlchen, zu ihm zu kommen. Es setzte sich zwischen die Ohren des Pferdes und sprach: „Heil Euch, mein König, Ich muss euch traurige Kunde überbringen. Eure Königin, Tavia, war an diesem Tage spazieren und kam nicht zurück – wir fanden sie tot, zerfleischt wie durch einen Wolf. Verzeiht mir, dass ich euch so schlechte Kunde überbringen muss.“
Als Ramon das hörte, wurde er tief betrübt und er ritt schweigend, begleitend von dem Rotkehlchen, dass nicht von seiner Seite wich, weiter.

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Im Schloss angekommen, erkundigte sich Ramon genauer nach den Umständen ihres Todes – es war im Großen und Ganzen so, wie das Rotkehlchen es ihm erzählt hatte. Sie war auf einem einsamen Spaziergang ums Leben gekommen – einem Spaziergang, wie sie ihn täglich zu machen pflegte. Baldur fühlte sich zutiefst schuldig und wollte Ramon um Verzeihung bieten, doch als er das Thema ansprach, sagte Ramon: „Es ist nicht deine Schuld gewesen.“

Doch Baldur konnte vor Trauer kaum noch stehen.

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Wenige Stunden später erschien ein Mann am Königshof – er war ganz in Schwarz gehüllt, lediglich seine wilden und gelben Augen konnte man erkennen. Dieser Mann wollte zum König vorgelassen werden. Ramon empfing ihn alleine im Thronsaal.

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„Ihr kommt zu spät, die Königin ist bereits gestorben. Und ich bin froh, dass es nicht auf meinen Befehl hin geschah.“ begrüßte ihn Ramon.
„Ihr irrt, mein König – ich kam zur rechten Zeit und nun fordere ich meinen Lohn.“ antwortete die hohle Stimme.
„Ein Wolf hat sie gerissen.“ antwortete Ramon, „Ihr wollt doch nicht behaupten, dass ihr wie ein Wolf töten könnt.“
„Doch – genau das will ich.“ erwiderte der Mann und seine Augen leuchtenden stechend. Er kam auf den König zu, und während er näher kam, wurde sein Gesicht immer länger und haariger, seine Hände zu Klauen und seine Beine zu Wolfsläufen.
Die Verwandlung lief so schnell zustatten, dass der König nur sein Schwert erheben und um Hilfe rufen konnte, als schon ein ausgewachsener Wolf mit schwarzem Fell, schrecklichen Klauen und einem gefährlichen Gebiss vor ihm stand. Der Wolf setzte zum Sprung an und Ramon konnte nur gerade so eben ausweichen – doch sein Schrei war nicht ungehört verhallt.
Cassio, der vor dem Thronsaal gewartet hatte, um dem König sein Beileid auszusprechen, kam herein gestürzt. Er erkannte sofort die Lage und todesmutig sprang er zwischen den Wolf und den König – er zog sein Breitschwert, dass er bei sich trug und während er mit der rechten Hand den Kopf des Wolfs abwehrte, hieb er mit dem Schwert in der linken Hand auf den Wolf ein – der Wolf fiel unter diesen tödlichen Streichen.

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„Mein König, wie konnte das geschehen? Beinahe wäre euch das selbige Schicksal beschieden wie eurer Königin.“ sprach Cassio, während Ramon die Bisswunden an seinem rechten Arm verband.
„Ja – und bei mir wäre es noch nicht mal eine Schande gewesen.“ antwortete Ramon.
Cassio sah ihn verwundert an.
„Warte hier, Cassio. Ich werde Baldur zu uns bitten und euch dann alles erklären.“ erwiderte Ramon und verließ den Thronsaal um Baldur zu holen.

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Einige Tage später war die Beerdigung Tavias. Aus allen Teilen Narnias strömten die Bewohner herbei um von ihrer Königin Abschied zu nehmen.
Nach der Beisetzung versammelten sich alle im Schlosshof, denn es wurde verkündigt, dass der König selbst etwas zu den Umständen ihres Todes sagen wollte.
Und in der Tat erschien der König. Er sah abgespannt und müde aus – und er hatte alles von seinem früheren Stolz und Hochmut verloren. Begleitet wurde er von dem Zwerg Baldur und dem Zentauren Cassio, die beide schon unter seinem Vater Großes vollbracht hatten.
Nach einigen Momenten der Sammlung begann der König zu sprechen: „Bewohner Narnias, Schreckliches ist dieser Tage in Narnia geschehen. Ich würde euch gerne sagen, dass die Probleme bereits vorüber sind, aber tatsächlich haben sie erst angefangen. Und zu meiner Schande muss ich geschehen, dass ich Schuld an diesem Unglück bin.“

Dann erzählte Ramon alles – er erzählte von seiner Eifersucht, von seinem Geschäft mit der Hexe, dem Mordkomplott gegen die Königin und von seinem Gespräch mit Aslan. Kein Detail, so schmerzhaft es für ihn auch war, ließ er aus.
Als er zu Ende berichtet hatte, sprach er:
"Dies ist das wahre Unglück für Narnia. Ihr werdet diejenigen sein, die für meinen Fehler büßen müssen – vielleicht nicht heute, und vielleicht auch nicht morgen, aber das Unglück, von dem Aslan sprach, wird kommen. Und weil ich die Hauptschuld daran trage, habe ich beschlossen, hiermit in das Exil zu gehen – ich habe Narnia zu sehr verraten, um ihm noch weiter von Nutzen zu sein. An meiner Stelle sollen Baldur und Cassio“ hier zeigte er nach links und rechts „als Stellvertreter des Königs, als Verwalter, über euch und eure Nachkommen herrschen.
Zwei Bitten habe ich an euch: Die eine betrifft mich selbst. Wenn ihr euren Kindern von mir erzählt, so bitte ich euch, sprecht von mir, wie ich bin – verkleinert nichts, noch setzt in Bosheit zu. Dann müsst ihr melden, von einem, der nicht klug, doch zu sehr liebte.
Das zweite betrifft euch: Erinnert euch beständig an Aslans Versprechen. Er hat versprochen, dass die Tage des Bösen vorbei sind, sobald zwei Adamssöhne und zwei Evastöchter auf dem Throne Narnias sitzen. Wartet auf diesen Tag! Sucht diese vier Menschen und gebt die Hoffnung nicht auf! Erinnert euch beständig daran, dass Aslan sein Wort halten wird! Und wartet auf den Tag, an dem dies geschehen wird!“

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Dies war die letzte Amtshandlung des Königs Ramon – dem letzten König Narnias vor der dunklen Zeit in Narnia.
Über Ramon gibt es nur noch zu berichten, dass er tatsächlich ins Exil ging – er ward nie wieder in Narnia gesehen. Cassio hatte sich entschieden, dem König in sein Exil zu folgen, und so lebten die beiden für den Rest ihres Lebens in der Nähe des Archenlandes und führten ein einfachen, doch erfülltes Leben.

Baldur, der Verwalter Narnias, begann schon nach kurzer Zeit, Vorbereitungen für die angekündigten schlimmen Zeiten zu treffen. So ließ er im Thronsaal vier Throne für die versprochenen Könige aufstellen. Auch versuchte er, die Hexe, die den König verführt hatte, zu jagen und zu vertreiben – leider ohne Erfolg.

In Narnia selbst gingen nun Angst und Hoffnung Hand in Hand. Die Bewohner Narnias hatten große Furcht vor dem, was Aslan angekündigt hatte – doch gleichzeitig hofften sie, dass Aslan sie nicht im Stich lassen würde.


ENDE


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